Blue Flower

Die Wahrheit zu sagen, wenn alle lügen – das ist Extremismus.

Im Laufe des Krieges erinnere ich mich immer wieder daran, wie in meiner zweiten Heimatstadt Uglegorsk (im Marrinskij Bezirk, etwa 60 km von Donezk) das Referendum für Unabhängigkeit des Donbass stattfand. Um ehrlich zu sein: zwar habe ich schon einige Einzelheiten und Details vergessen und einige von ihnen weiß ich nicht. Aber ich versuche trotzdem, so präzise wie möglich darüber zu berichten.

An jenem Tag saß ich zu Hause und sah Videos aus anderen Städten Donbass an, wie dort das Referendum stattfand. Mein Vater hat mich abgeholt und wir sind zum Kinozentrum gefahren, um abzustimmen… 

Unterwegs fragte ich den Vater, wie er persönlich das Referendum sieht und er sagte, dass es ein Sieg für unserer Region ist – Kiew hat uns nichts mehr zu befehlen. Es bleibt ihnen nur noch übrig, gegen uns an der Front zu kämpfen...

Nebenbei gesagt, es war mehr als gute Laune in der Stadt, die Bergarbeiter ließen sich einen Tag freigeben, die Verkäufer auf der Zentralstraße schlossen ihre Geschäfte, und alle gingen ihre Stimme für DNR abgeben, aus geparkten Autos klang patriotische Musik, Leute spazierten mit ihren Familien, die Kinder hatten Luftballons und malten auf den Asphalt. Um 12 Uhr war Ugledar an erster Stelle nach der Anzahl abgegebenen Stimmen. Für eine Stadt mit 18.000 Einwohnern waren sehr viele Menschen im Wahllokal. Als am Abend die Abstimmungsergebnis bekanntgegeben wurden, feierte die Stadt den Sieg. Viele meiner Freunde schützten freiwillig das Wahllokal. Sie stiegen auf die Dächer benachbarter Gebäude und patrouillierten im Zentrum. Gott sei Dank war alles glimpflich abgelaufen, ohne Provokationen… Später aber wurde bekannt, dass solche geplant waren für diesen Tag, und viele hätten umkommen können. Spät am Abend traf ich mich mit einigen der Burschen aus der Wache. Sie sahen beunruhigt aus, und auf meine Frage, was los sei, rauchten sie und wechselten Blicke: „Wir haben die Saboteure ertappt“ sagte einer. Zwei Schädlinge vom Rechten Sektor wollten uns sprengen. 

„In welchem Sinne sprengen?“ fragte ich. Wohl war die Frage selbst dumm, aber mir kam nichts anderes in den Sinn. Heute reagiere ich auf solche Aussagen anders, nach nunmehr 2 Jahren Kämpfen, Beschießungen und Morden....

„Im wahrsten Sinne des Wortes: zwei Burschen auf dem Motorrad waren in der Stadt, schon tagsüber, sie hatten Trotyl und noch andere Explosionsgemische im Rucksack“, sagten sie mir, und fuhren fort zu rauchen. Ich nahm meine Zigaretten heraus und setzte mich. Der Gedanke daran, was hätte geschehen können, wenn unsere Leute sie nicht bemerkt hätten, hat mich in Rage gebracht. Gut, das sie doch verhaftet wurde, und niemand getötet worden war, dort waren doch auch Kinder, und niemand der Bewohner dachte daran, dass so was WIRKLICH passieren kann. 

„Und was ist jetzt mit ihnen?“ fragte ich. Sie wechselten Blicke und schwiegen, ich habe keine Antwort bekommen. Noch eine Stunde besprachen wir die ganze Situation, und dann blieb ich mit einem, der mir über die Schicksal der beiden 2 Saboteure erzählt hat.

„Dem Aussehen nach sind die beiden etwa 20 Jahre, vielleicht einheimische“ – begann er, „aber eher „Ultras“, aber woher? Nicht aus „Maulwürfe“, die kennen wir alle, und die kommen auch nicht aus „Metallurg“. Wir haben sie für das „Gespräch“ abgeführt…Was war genau mit diesen Mißgeburten wurde, weiß ich nicht und will das auch nicht wissen...“ All das hat mir dieser Junge gesagt – einer wurde freigelassen „etwas zerknittert“, das Schicksal des anderen, der mit dem Explosionsgemisch, war, wie ich verstanden habe, nicht gerade rosig. Die Hirnis haben erzählt, dass sie ein paar Explosionen in Zentrum der Stadt auslösen wollten, um damit die Durchführung des Referendums zu durchkreuzen. Ihr Fehler war, dass sie nichts über den Straßenstreifen wussten.

Drei Tagen später wurden die Organisatoren des Referendums in den Sicherheitsdienst der Ukraine gebracht… Sie wurden von einem heimischen eifrigen Ukropatrioten verraten, der sogar 2 Tage auf dem Maidan war. Da die Stadt nicht groß ist, war die Nachricht über die Verhaftung schnell verbreitet worden, und um 8 Uhr morgens waren schon Berichte über die unglaublichsten Ereignisse im Umlauf. Ich entschied mich dafür, Informationen direkt von der Quelle zubekommen, vom Stiefsohn eines der Organisatoren. Es war klar, dass der Junge Angst hat.

Um 4 Uhr morgens klingelte an der Tür, aber seine Mutter hat nicht geöffnet, und hat gefragt „Wer ist da?“ als Antwort hat sie so etwas gehört „Sicherheitsdienst der Ukraine! Öffne die Tür, du Schweinehund! Wir wissen, dass er dort ist“. Man muss sagen, dass dieser Organisator aus dem Kaukasus stammt. Zu dieser Zeit war die ganze Familie und auch seine 3 jährige Tochter zu Hause. Die Wohnung befindet sich im ersten Stock, also war der Versuch wegzulaufen von Anfang an sinnlos, weil sich vor dem Fenster 2 Mpi-Schützen befanden. Im Zimmer gab es einen Nebenraum, und der Stiefvater hat sich dort versteckt (dass es nicht geholfen hat haben sie schon selbst verstanden, denke ich, aber jeder denkt auf eigene Weise in solcher Situation). Sie fingen an, die Tür einzuschlagen, und die Mutter entschloss sich die Tür zu öffnen. Als sie die Tür geöffnet hatte, sah sie in die Mündung des Automatikgewehrs, und ihr wurde befohlen, sich auf den Boden zu liegen. Drei Menschen kommen hinein, der Junge wurde mit dem Gesicht zur Wand gestellt und gefragt:

„Wo ist dieses Luder?“ – seine Akzent war kaukasisch (oder tschetschenisch) „Komm raus! Du hast unsere Nation entehrt!“ – schrie der zweite. Im Schlafzimmer sahen sie seine Schwester. „Du hast noch eine Minute für Überlegung, sonst werdet ihr alle getötet!“ Der Augenzeuge sagte, daß er noch nie solch eine Angst gefühlt hatte, er fürchtete, dass seine Schwester und Mutter getötet werden. Die Mutter lag im Korridor auf den Fußboden und bat Kinder nicht anzufassen, dann wurde sie auch geschlagen. Die Minute, die der Stiefvater bekam, um sich gefangenzugeben, dauerte ewig, und während diese Minute haben sie das Zimmer zur Ruine gemacht, alles was sie sahen, zerschlugen sie. 

Natürlich ist er mitgegangen und die Menschen aus dem Sicherheitsdienst fingen an, ihn mit dem Gewehrkolben zu schlagen und etwas zu schreien. Der Stiefsohn wurde auch geschlagen, in die Rippen und den Rücken. Danach wurden er und der Stiefvater ins Polizeirevier abgeführt. Dort blieb der Vater für 3 Monate im Keller.

Als er in der Stadt zurückkehrte, hat er seine Frau und Tochter fortgeschickt, selber blieb er in der Stadt…als Soldat, oder einfach nur so in der Stadt – das weiß ich nicht. Ich war zu jener Zeit schon in Donezk. 

Der zweite Organisator wurde in derselben Nacht verhaftet, er gab sich selbst gefangen, ohne verschiedene Exzesse… Ich kann aber nichts beschwören, weil ich es nicht genau weiß.

So ist unser Referendum abgelaufen, die Kontraste, denke ich, haben Sie nun selbst gefühlt.